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Cincinnati-Austausch 2007
(ein Bericht von Dr. Donald Cramer)

 Vom 2.9. - 7.9.07 waren wiederum mehrere Münchner Juristen im Rahmen des Anwaltsaustauschs mit  C. dort eingeladen. Nach bewährtem Muster wohnten sie bei Kollegen aus C. und wieder hatten unsere Gastgeber ein volles Programm mit vielen highlights vorbereitet und durchgeführt.

 Traditionell ist die Teilnahme am großen Feuerwerk am Abend vor dem Labor Day, das bisher stets von der nahe gelegenen Terrasse der Anwaltsfirma Cors & Bassett ‚genossen’ wurde; das Feuerwerk wird von einem populären Rundfunksender veranstaltet, etwa 300.000 Zuschauer waren gekommen und hatten ab 3.00 früh die besten Plätze am Ufer des Ohio River besetzt.

Zum Auftakt der Austauschwoche wurde aber  in diesem Jahr ein  Abendessen im Restaurant „Porkopolis“ angesetzt, auf dem nahen Mt. Adams gelegen; von der Terrasse dort hat man dann einen großartigen Blick auf die ganze Stadt und das Feuerwerk.

 „Porkopolis“ wurde in die Anlage der ehemaligen Rookwood Töpferei hineingebaut; aus dieser Töpferei stammen kunstvolle Keramik-Artikel, Vasen usw., die in alle Welt vertrieben wurden und in USA Höchstpreise erzielen. Der Betrieb der Töpferei ist eingestellt, in die alten Brennöfen sind stimmungsvolle Party-Räume eingebaut, es wird zünftig Beef und Schweinefleisch angeboten; Porkopolis ist ein Name für C., den – wohl nicht ganz ernsthaft – die Stadt im 19.Jahrhundert erhalten sollte, als sie das Zentrum der Schweinefleisch- d.h. Pökelfleisch-Produktion war, als 50.000 Schweine täglich geschlachtet wurden, und es dementsprechend – vor der Erfindung der Kühlsysteme – dort  entsetzlich stank und man sich darüber lustig machte.

 Labor Day selbst war eigenen Unternehmungen vorbehalten, der Unterzeichner besuchte das Labor Day Picnic auf Coney Island, einem großen Vergnügungsgelände am Fluss, wo die meisten Gewerkschaften usw. für ihre Tätigkeit werben und auch Rosalind Florez Werbung für ihre Richterkandidatur machte. Andere Teilnehmer nutzen den freien Tag für eine ausgiebige shopping-tour im Prime-Outlet Center etwa 40 Meilen nordöstlich von C..

 Der Dienstag nach Labor Day begann mit einer Verhandlung im Appellationsgericht; in strenger Manier haben dort die Parteivertreter  stets nur je 15 Minuten zur mündlichen Begründung der Berufung  und dann nochmals 5 Minuten zur Erwiderung auf die Replik; es ging, da das Appellationsgericht keinerlei Spezialisierung kennt, um Zivilrecht und Strafrecht in einer Sitzung, einen Fall zur Arzthaftung, eine Verurteilung wegen Raubes und eine hoffnungslose Geschichte über die Entziehung des Sorgerechts zweier Eltern, die immer wieder zu Freiheitsstrafen verurteilt worden waren.

Nach der Beratung nahmen sich die Richter Zeit, uns einige der Verfahrensregeln zu erläutern; einen der Richter sahen wir dann drei Tage später im T-Shirt auf einer Parade für seine Wiederwahl werben, ein eher ungewohnter Anblick – hier aber normal !

Sodann waren anderthalb Tage der Polizei von C. gewidmet, die für die ganzen USA Modellcharakter haben soll.

Als Erstes hatte jeder die Gelegenheit, für vier Stunden ( von 17.00 bis 21.00 Uhr, also bis in die Nacht hinein )  in einem Streifenwagen -  Police-cruiser mitzufahren, und das jedenfalls in meinem Fall, in einem der ärmsten Viertel, in denen nachts kein Weißer sich mehr blicken lässt.

Mein police officer war ein Farbiger, mit vielen Jahren Erfahrung mit solchen Streifen. Er nahm sich viel Zeit, alles zu erklären, sich auch zu den Ursachen der zahlreichen Konflikte, die sich immer wieder gewaltsam entladen, zu äußern – der Zusammenbruch vieler farbiger Familien, die vaterlosen Kinder, die schlechten Berufsbildungsverhältnisse und die Drogen und deren Handel als häufiger Ausweg. Die Folge sind u.a. Bandenkriege in großem Ausmaß, und wenn eine Stadt wie C. mit 400.000 Einwohnern bis September 79 Morde aufweist, dann sprengt schon diese Zahl allein  alle deutschen Vorstellungen.

Am nächsten Tag  wurde uns das Polizeimuseum vorgeführt, dann gab es eine ausgiebige Tour des operations center, einer gewaltigen Kommandozentrale, unzugänglich auf einem der sieben Hügel von C.

Das SWAT-Team, eine der GSG 9 vergleichbare Elite-Einheit, ließ sich ein wenig in die Karten schauen, dann wurde die Notrufeinsatzzentrale vorgeführt usw.

Das Mittagessen fand auf einer Feuerwache statt, wo die Feuerwehrleute Cincinnati-Chili gekocht und Plätzchen gebacken hatten, bevor sie ihre Geräte, einschließlich eines speziellen Lasters für Bombenbeseitigung vorführten. Der Bombenentschärfungsroboter war gerade unterwegs. Mitten in die Vorführung platzte ein Alarm, der aber nach 3 Minuten  wieder abgesagt wurde.

Dann war die Polizei-Akademie dran, Vorführung der Reiterstaffel, der Hundestaffel, dann eine Präsentation von  30  Rekruten des gerade laufenden Lehrgangs und eine einstündige Vorführung des Tasers, das ist eine Elektro-Waffe, die zur Standardausrüstung gehört und nicht unumstritten ist.

 Nach einer Pause wurde der Abend mit einer eleganten Weinprobe in den City Cellars begonnen, dann begab man sich in die älteste Kneipe C., die früher von Mr.Tarbell geführt wurde, einem Original C.’s ( ohne Kopfhaar ) aber mit Frack, mit hohem Ansehen in der community. Er war selbst zugegen, beteiligte sich an der Kapelle und begrüßte alle Gäste.

 Gemeinsames Essen im Montgomery Inn Boathouse, einem der führenden Restaurants, mit Blick auf den Ohio – River beschloss den ereignisreichen Tag.

 Am Donnerstag gab es dann ein Luncheon im “Phoenix“, auch einem  Traditionsrestaurant, in dem Prof. Roger Billings u.a. über die Fragen der WTO und der bilateralen Handelsverträge der USA sprach.

Daran schloss sich ein Besuch im Familiengericht an, wo zwei Verhandlungen besucht wurden, eine hochstreitige um das Recht des sorgeberechtigten Vaters, mit dem Kind nach Florida zu ziehen – das Ergebnis wurde noch nicht bekannt, es dürfte ihm wohl diese Erlaubnis nicht erteilt werden.

Im Gericht von Rosalind Florez wurde einem Unterhaltsschuldner in einer Art Vollstreckungsverhandlung nahegelegt, die Rückstände nennenswert zurückzuführen, sonst drohe ihm Haft. Die wird in USA vom Familienrichter mit einem Federstrich verhängt. 

Dann stand ein besonderer Punkt außerhalb des offiziellen Programms auf dem Plan – die Teilnahme an der Harvest Home Parade von Cheviot, und zwar wiederum als Wahlkampfwerbung für Frau Florez.

 Diese Parade, die es in Cheviot, einem Vorort Cincinnatis, seit 143 Jahren gibt, ist eine typisch amerikanische Angelegenheit, mit der sich die Stadt selbst feiert.

Zehntausende sind beteiligt, besetzen morgens früh die besten Plätze, und auch die Zahl der Mitwirkenden geht in die Tausende, ein Querschnitt durch viele Aspekte amerikanischen Lebens, die sonst ein Tourist nie zu Gesicht bekommt.

Da marschieren Veteranen auf, die Polizei fährt mit Motorrädern, Sonderfahrzeugen, fahrbaren Kommandozentralen, viele High Schools schicken ihre marching bands, zahlreiche Firmen machen Werbung, Oldtimer-Clubs schicken ihre Autos auf die Straße, und schließlich dürfen gegen Gebühr Kandidaten für die bevorstehenden Wahlen, Wahlen für Richterposten, Sheriffs, City Engineers usw. usw. mitmarschieren, alle mit Fahrzeug, Postern und einigen Mitstreitern, regelmäßig in Shorts und Werbe-T-Shirts.

 Die Parade dauert mehrere Stunden, wird von Verkäufern von Getränken, Essen usw. gesäumt und kann als „wanderndes Volksfest“ verstanden werden; nur die wenigsten aus unserer Gruppe hatten so etwas je gesehen oder gar daran aktiv teilgenommen. Für die Freiwilligen gab es dann ein abschließendes dinner in Clifton in einer Musikkneipe.

 Der letzte Tag, meist einem Ausflug gewidmet, führte nach Ft. Ancient, einer alten Wallanlage der Hopewell-Indianer, die hier mehr als 4000 m lange Erdwälle angelegt haben – wie viele solche Anlagen und auch der im letzten Jahr besuchte Serpent Mound im Osten Ohios ist nicht klar, wozu diese Anlagen dienten, schriftliche Überlieferungen gibt es ja nicht. Dieser Park weist ein großes Museum und Picknick-Plätze auf, in der Herbstlandschaft der rollenden Hügel Ohios ein herrlicher Platz, nahe dem Little Miami-River, in dem im Sommer Hunderte mit Kanus fahren.

 Für den Abend war nach einem gemeinsamen typisch amerikanischen Essen eine Freilichtvorführung in einem  nahgelegenen Theater in Xenia  vorgesehen, eine Bearbeitung einer Spuk-Geschichte aus Neu-England, „The Legend of Sleepy Hollow“. Leider beendet ein Gewitter, das  zwar gut in die Stimmung der Aufführung passte, unerwartet etwa 20 Min. zu früh unseren  Abschiedsabend.

 Alles in allem wieder eine sehr gelungene Woche mit vielen Eindrücken, weit über den Berufsalltag der Amerikaner hinaus. 

Man vertagte sich bis zum Dezember 2007, dann wird eine größere Delegation von Anwälten aus C. in München eintreffen.

 D.Cramer 

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