Das Geisterschiff auf dem Ohio ...

Eine Dose Bud light in der Hand, sommerlich gekleidet und bestens gelaunt stand ich auf dem Sonnendeck einer Yacht, und lauschte dem Stimmengewirr von Deutsch und Englisch. Freudiges Händeschütteln, herzliche Begrüßung und ein warmes Willkommen gingen dem Ablegemanöver voraus. Während ich mir wieder einmal die Skyline von Cincinnati ansah, und bei der Durchfahrt unter der Hängebrücke (die der Prototyp für die berühmtere Brooklyn-Bridge in New York war) das lustige "Singen" der Autoreifen hörte (die Tochter unseres Gastgebers nennt sie deshalb auch "singing bridge"), dröhnte plötzlich der alte deutsche Schlager vom "Geisterschiff auf dem Ohio" aus den Lautsprechern der Yacht. Amüsiertes Gelächter machte sich bei den deutschen Passagieren breit, und jedermann suchte nach dem Urheber dieser transkontinentalen Verbreitung von Kulturgut. Es war unser Kollege Walter Rombach, der die Kassette eigens für den Fall der Fälle mitgebracht hatte. Was machen Münchner Anwälte auf einem Geisterschiff, noch dazu auf dem Ohio. Nun sind Geisterschiffe, wie auch der Schlagersänger zutreffend feststellt, doch ein gewisses Problem, es gibt sie vermutlich nicht. Aber dieses Schiff gab oder gibt es (hoffentlich noch), und die Fahrt war Realität.

Cincinnati, die Partnerstadt von München, hat im Rahmen eines Austauschprogramms zum zweiten Mal eine Gruppe von Rechtsanwälten eingeladen. Eigentlich unterscheiden die Amerikaner insoweit bewusst nicht zwischen den verschiedenen juristischen Berufen, da jeder Jurist das gleiche "bar"-Examen abgelegt hat, und dieses kein Staatsexamen wie bei uns ist. Dass vorwiegend Rechtsanwälte an diesem Projekt beteiligt sind liegt daran, daß die Rechtsanwaltskammer für den OLG-Bezirk München als erste Institution dieses Angebot aufgegriffen hat. Begonnen hat die Sache damit, daß nach vielen Jahren der Annäherung im April 1995 eine Gruppe von 10 Juristen (Anwälte und Richter) nach München gekommen ist. Untergebracht wurden die Kollegen jeweils in den Privatwohnungen der Gastgeber. Im Oktober 1995 fand der erste Gegenbesuch statt, und inzwischen hat sich eine Kontinuität entwickelt, deren Förderung dieser kleine Bericht dienen soll.

Um es gleich vorweg klarzustellen, die Hoffnung auf gutes Geschäft oder interessante und finanziell lukrative Geschäftskontakte kann man getrost mittelfristig vergessen. Dass sich vielleicht im Laufe der Zeit Kontakte ergeben, die auch geschäftsträchtig sein könne, ist wohl nicht auszuschließen, aber schnell geht in diesem Punkt überhaupt nichts. Wer also Lust hat, sich einmal mit der Kultur und Lebensweise Amerikas zu befassen, wer interessiert daran ist, wie das dortige Rechtssystem aufgebaut ist und wie es funktioniert, der sollte diese Gelegenheit wahrnehmen. Wer seine geschäftliche Aktivitäten erweitern will, sollte sich besser an die hierfür geschaffenen Foren wenden.

Da ich schon zum zweiten Mal in Cincinnati war, habe ich als einziger aus der Gruppe die Möglichkeit des Vergleiches. Grundsätzlich versuchen unsere Freunde ein möglichst weites Spektrum zu bieten, das von der typischen Freizeitbeschäftigung incl. des Besuches von Sportveranstaltungen bis hin zu einer Gerichtsverhandlung möglichst Viel umfasst. Aufgrund der Erfahrung des ersten Besuches wurde (das gleiche gilt für die Programmgestaltung hier in München) der Terminplan etwas entzerrt. Ich erinnere mich noch, wie wir am Ende der Woche im Oktober 1995 mit hängender Zunge nachmittags (Freitag) bei P&G (Procter & Gamble) ankamen, und eigentlich kaum mehr aufnahmefähig waren. P&G hat es uns auch leicht gemacht, die Aufnahme beschränkte sich im wesentlichen auf das Essen sowie die Erkenntnis, daß auch die Vizepräsidentin nicht mehr als 9 Quadratfuß (richtig, nicht Quadratmeter) an Bürofläche zur Verfügung hat.

Eingebettet in private Fürsorge der Gastgeber haben wir gesehen: 2 Universitäten, eine große Anwaltskanzlei, verschiedene Gerichte, ein Produktionsunternehmen, nämlich die Triebwerksherstellung von General Electrics. Insoweit deckte sich das Programm vom Grundsatz her mit dem des vergangenen Jahres, wenn auch die Ausgestaltung natürlich etwas abweichend war. Im vergangenen Jahr hatten wir an einem Tag den gesamten Instanzenzug durch die Gerichte gewissermaßen körperlich miterlebt. Es begann um 8.30 (und jeder muss mindestens 30 Minuten anfahren), und endete um ca. 16.30. An den glasigen Augen haben die Gastgeber vermutlich feststellen können, daß das doch zu viel des Guten war, so haben wir uns in diesem Fall auf eine Verhandlung vor dem County Court (Strafsache) sowie eine (wegen Vergleich in letzter Sekunde geplatzte) Verhandlung vor dem Bundesgericht beschränkt. Unübertroffen ist die Freundlichkeit und das Entgegenkommen der Gastgeber, so auch der jeweils betroffenen Richter. Als würde Zeit keine Rolle spielen wurden wir in dessen Büroräumen empfangen (die in jedem aller Fälle sehenswert sind), durften Fragen stellen, und haben (in Ergänzung mit den Erfahrungen des vergangenen Jahres) auch wieder etwas dazugelernt. Wichtig hierbei zu wissen ist auch, daß der Richter in den USA mit "Euer Ehren" angeredet wird, und zwar nicht nur im Gerichtssaal. Gänzlich unverständlich und nahezu als Respektlosigkeit wurde dagegen unser Benehmen angesehen, das wir Frau Richterin Bauer gegenüber an den Tag legten. Sie einfach mit ihrem Namen anzureden, wo der größte Teil von uns sie ja erst seit kurzer Zeit kennt ... ts ts ts. Im Gegenzug sind unsere Freunde dafür im persönlichen Umgang höchst unkompliziert. Sich beim Nachnamen anzureden wird fast als Beleidigung angesehen, oder zumindest als ungewöhnliche und übertriebene Distanziertheit. Ich musste mir nach meiner Rückkehr (mein Weg führte mich noch weitere 2 Wochen über Chicago nach New York, wo wir sehr viele verschiedene Leute kennen gelernt haben) erst wieder angewöhnen, mich nicht nur mit meinem Vornamen vorzustellen.

Was bringt die Sache konkret, wird der Leser fragen. Ich würde sagen, generell einmal eine Menge netter Freunde, und im Laufe der Zeit (hier darf man das Wort Zeit nicht unterschätzen) auch tatsächlich einen Einblick in das US-Rechtssystem, und daneben auch in die private Lebensweise. Amerika ist weit, und Amerika ist groß. Wer nicht - aus welchem Grund auch immer - Gelegenheit hatte, im privaten Kreis Amerika zu besuchen, dem wird in vielen Bereichen das Verständnis schwerer fallen. Es ist etwas anderes, ein Land als Tourist zu besuchen, oder in einer Gastfamilie zu leben. Wie sonst wären wir dazu gekommen, bei einer indischen Familie (Studienfreunde unseres Gastgebers) zur Geburtstagsparty einer der Töchter mit eingeladen zu werden. Und unseren Freunden geht es ebenso. Welcher Amerikaner hat schon die Gelegenheit, in München einmal die normalen Lokalitäten zu besuche, und das Hofbräuhaus weit zu umgehen. In vielen Gesprächen habe ich immer wieder die gleichen Fragen gehört (die wir umgekehrt ebenso häufig stellen), z.B. zum Jurysystem. Was, Ihr habt keine Jury ... oder: wie bitte, selbst Patentsachen entscheidet bei Euch die Jury ... . Um Himmels Willen, wie soll das denn gehen, können wir uns überhaupt nicht vorstellen, war jedes mal die Antwort. Mit Sicherheit gibt es einen triftigen Grund dafür, warum die Systeme unterschiedlich sind. Vom Ergebnis her liegen wir ja relativ nahe beisammen. Ein Mörder wird bestraft (sofern man es ihm beweisen kann), und wer einen Vertrag bricht, muss die Konsequenzen hierfür tragen. Die feinen unterschiedlichen Ausgestaltungen (z.B. das Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen würde einen eigenen Absatz füllen, und ist für uns gänzlich unverständlich) machen nicht den großen Unterschied. Auch in Europa haben wir ja höchst unterschiedliche Rechtssysteme. Wichtig zu begreifen war für mich der grundlegende Aufbau des Systems und der höchst unterschiedliche Ablauf. Diesbezüglich gibt es keine bessere Verständnismethode, als es sich einfach einmal (oder besser öfter) anzusehen. Beim zweiten Besuch habe ich häufig Probleme verstanden, die beim ersten Besuch gerade mal angeritzt wurden. Dabei will ich nicht behaupten, einen übermäßigen Einblick oder gar grundlegendes Wissen über das US-System erworben zu haben, aber ein bisschen hat es doch geholfen.

Sprachprobleme sind kaum ein Hindernis. Passives Englisch kann man auch hier trainieren (ich sehe ständig CNN), und hinsichtlich der Aussprache würde ich sagen, nach dem dritten Bier läuft das mit dem "th" (ti äitsch) bestens. In jeder Fremdsprache beschränkt sich der juristische Fachwortschatz, der für das grundlegende Verständnis notwendig ist, auf wenige (hundert) Worte. Und wie in jeder Fremdsprache gibt es auch hier nicht 100%ige Übersetzungen, sondern man muss mehr den Gesamtzusammenhang zu verstehen versuchen. Hinzu kommt, daß es ja nicht nötig ist, jedes einzelne Wort perfekt in seiner gesamten Bedeutung zu verstehen, schließlich findet ja kein Abschlusstest statt.

Was macht man in Cincinnati in seiner Freizeit? Zunächst einmal steht der Sport sehr im Vordergrund. Wir hatte die Gelegenheit ein College-football-game zu sehen (so manche Bundesligamannschaft wäre froh um diese Begeisterung der Zuschauer), sowie ein Spiel der berühmten Baseball-Mannschaft, der Cincinnati-Red´s (wobei zu sagen ist, daß die auch schon mal besser waren, aber vermutlich haben sie nicht nur die Farbe mit dem FC Bayern gemeinsam). Sodann gibt es für jeden etwas, sofern man nicht Wert auf historische Fachwerkhäuser oder alte Stadtkerne legt, hier würde ich Europa vorziehen. Die wohl größte Sammlung von Luftfahrzeugen steht im Air-force-museum in Dayton (genau dieses Dayton, wo der Bosnien-Friedensvertrag ausgehandelt wurde). Im Übrigen bleibt es dem Wunsch jedes Einzelnen überlassen, welche Vorstellungen von Freizeit er hat. Jedoch muss erwähnt werden, daß Freizeit an sich nicht das Hauptproblem war, die Abende waren relativ verplant mit Veranstaltungen verschiedenster Art.

Eben eine der Veranstaltungen führte uns auf das Geisterschiff (zeitweise gesteuert von unserem mitgereisten Klabautermann, dem Sohn des Diskjockeys). Teilnehmer des Vorjahresaustausches waren ebenso anwesend, wie die äußerst aktive Vorsitzende des Sister-city-kommitees, Frau Päpke, der sehr viel zu verdanken ist. Ohne ihre jahrelange ständige Aktivität gäbe es weder diesen Austausch, noch vermutlich die Partnerschaft mit Cincinnati. Zu Essen gab es nach meiner Erinnerung Geflügel, dazu vielerlei Gemüse und heftige Nachspeisen. Es ist übrigens eines der hartnäckigsten Gerüchte, daß das Essen in Amerika schlecht sein soll. Nun kommt die normale Küche im mittleren Westen sicherlich nicht an die Raffinesse der französischen Küche heran, aber wenn man ehrlich ist, trifft das für die typische bayrische Küche auch nicht zu. Wenn man akzeptiert, daß die typische Küche des mittleren Westens eben nicht unserer Küche entspricht, und wenn man bereit ist zu erkennen, daß ein "Burger" nicht unbedingt von Wendy´s oder Mc Donald´s sein muss, und trotzdem schmecken kann (wir mögen ja auch manchmal Fleischpflanzerl), dann kommt man bestens zurecht. Und wer es mag, der bekommt die besten Steaks, die man sich vorstellen kann.

Es gibt Regalwände voll von Büchern über Amerika, Reiseberichte, Reiseführer etc. so daß ich nicht vorhabe, diese zu ergänzen. Dieser kleine Bericht soll nur dazu dienen, eventuellen Interessenten die Hintergründe und Aspekte des Austauschprogramms aufzuzeigen.

(c) 1996

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